Vater von Saba Teamrat Dozentin in May Nefhi (Name geändet )

Als meine Tochter ihre erste Stelle als Dozentin bekam, war ich nicht nur stolz auf sie, sondern auch auf mich selbst. Meine Überzeugung war, dass ich als Vater alles richtig gemacht habe. Meine Tochter blühte vor Glück auf und ich freute mich mit ihr gemeinsam.

Auch nach einiger Zeit, als sie das Land ohne mein Wissen verließ, war ich sehr optimistisch, dass sie sich irgendwie in Sicherheit bringen würde. Sie war ja schließlich sehr intelligent und gebildet genug, um Gefahren zu meiden. Ich hatte keine Ahnung, wie vielen Gefahren und wie viele Grausamkeiten unsere Kinder ausgesetzt sein würden.

 

Die letzte Information, die ich hatte, war, dass meine Tochter sich in Uganda aufhalten würde. Als wir im August 2009 von den schrecklichen Ereignissen im Mittelmeer hörten, habe ich versucht, meine Bekannten und Freunde, die eigene Familienmitglieder verloren hatten, zu trösten. Ich hatte keine Ahnung, dass meine geliebte und einzige Tochter sich auf dem Boot befand. Für mich ist die Welt zusammengebrochen. Nicht weil meine Tochter ein besserer Mensch war als ihre Leidensgenossen, sondern durch den Gedanken daran, wie qualvoll sie nach fast 20 Tagen gestorben ist. Ich habe einen der Überlebenden telefonisch erreicht und er berichtete mir, dass meine Tochter zu denen gehört, die in den letzten Tagen vor ihrer Rettung abgemagert und dehydriert ihren Kampf aufgegeben haben.

Früher, auch während meine Tochter noch hier lebte und ich sie aus welchen Gründen auch immer ein paar Tage nicht gesehen habe, habe ich sie sehr vermisst. Aber ihre immer lächelnden weißen Zähne und ihre Lebensfreude haben mich glücklich gemacht, egal wo sie auch immer war. Ich wusste, dass sie immer am Lachen ist und den anderen ihre Witze erzählt und mit ihrer Freundlichkeit und Lebensfreude alle Menschen in ihrer Umgebung zum Lachen bringen würde. Wo meine Tochter auch war, hat sie die Menschen in ihrer Umgebung mit Freude erfüllt. Wenn ich an sie denke, spüre ich sogar heute noch ein Lächeln im Gesicht, was aber tatsächlich von unbeschreiblichem Schmerz und endloser Trauer unterbrochen wird.

Ich frage mich, warum hat man unsere geliebten Kinder nicht gerettet? Meine Tochter und ihre Leidensgenossen hätten gerettet werden können, wäre die europäische Politik ein wenig humaner gegenüber anderen Menschen gewesen. Die Menschen, die den Tod unserer geliebten Familienangehörigen auf dem Gewissen haben, schlafen sicherlich ohne einen winzigen Gedanken daran zu verschwenden. Dennoch sollte jeder Mensch wissen, dass die Toten Eltern, Töchter, Söhne, Freunde sowie Lehrer und Schüler haben, die sie über den Tod hinaus lieben und vermissen. Heute bin ich zwar ein gebrochener Mann ohne Lebensmut und ohne Lebensfreude. Ich empfinde aber weder Rachefühle noch Wut gegenüber der Macher solcher menschenverachtender Politik.

Ich frage mich trotzdem immer wieder, wie kann ein Mensch, der auch nur ein wenig Gewissen hat, an nach Hilfe schreienden Menschen auf einem Schlauchbott vorbei fahren, abends oder morgens mit seiner Familie oder Freunden am Tisch sitzen und das Leben genießen. Was ist das für ein Europa? Das ganze übersteigt meine Vorstellungskraft!!!

 

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