Samri Solomon

Mein Name ist Samri Solomon. Ich stamme aus Eritrea und lebe in Norwegen.

Ich bin heute hier gekommen, weil ich meinen Hilfeschrei an alle Anwesenden richten möchte. Ich habe meine Geschichte aufgeschrieben, die so lang war. Aber alle Betroffenen hier haben die selbe bzw. ähnliche Geschichte wie ich, daher fasse ich mich kurz.

Ich habe im Juli letzten Jahres meinen Traummann und meine erste große Liebe in Khartum geheiratet und war mit meinem Mann nur drei Monate verheiratet. Seine Mutter kam in den Sudan und feierte die Hochzeit ihres Sohns bzw. unsere Hochzeit mit uns. Ich sehe meine Schwiegermutter Tag und Nacht vor mir, wie glücklich sie die ganze Zeit war, wie oft sie ihrem Sohn beim Vorbeigehen geküsst und umarmt hat und wie traurig sie jetzt auf die Überführung des Leichnams Ihres Sohns wartet.

Der Grund, warum mein Mann das Risiko auf sich nahm nach Libyen zu fliehen und versucht hat mit dem Boot nach Italien zu gelangen war, dass er nicht die Möglichkeit bekam legal zu mir nach Europa zu kommen.

Nach unserer Hochzeit hätte ich meinen Mann Amanuel am liebsten mit nach Norwegen genommen, aber ich musste erst eine Familienzusammenführung beantragen.

Als ich die Familienzusammenführung beantragte, sagte man mir, dass die Überprüfung der Ehe mindesten zwei Jahre dauern würde und erst danach die Glaubwürdigkeit der Eheschließung bearbeitet werden könnte. Ich war sehr verzweifelt, weil ich genau wusste, dass das Leben meines Mannes im Sudan nicht sicher war. Ich engagierte einen Anwalt und erklärte den Behörden, was es für mein Mann bedeuteten würde in Khartum so lange zu bleiben. Ich verbrachte schlaflose Nächte, weil ich mir viele Sorgen um meinen Mann machte. Ich sagte zu Amanuel, dass er sich gedulden solle und sich nur in sicheren Orte begeben dürfe. Ich hatte Angst, dass er in die Fänge der Menschenhändler geraten könnte oder wieder nach Eritrea abgeschoben werden würde. Die ganze Zeit spürte ich die Angst in meinem Magen und ich konnte nicht schlafen. Ich kämpfte dafür, dass mein Mann legal zu mir nach Norwegen kam und wir unsere Liebe genießen könnten. Aber es kam anders.

Eines Morgens, als ich versuchte Amanuel telefonisch zu erreichen, war die Leitung tot. Ich versuchte über mehrere Tage Amaneul zu erreichen. Es ging mir sehr schlecht. Ich konnte kaum schlafen und kaum laufen. Meine Sorge wurde immer größer.

Eines Nachts klingelte das Telefon. Am Ende der Leitung hörte ich die Stimme meines Mannes. Er war in Tripolis. Er sagte zu mir, ich solle mir keine Sorgen machen. Gott sei an seiner Seite, weil er niemanden etwas böses gewünscht hat geschweige denn jemandem wehgetan habe. Deshalb werde er es schaffen und unversehrt nach Norwegen zu mir kommen. Mir wurde schlecht. Ich musste mich übergeben. Ich spürte die Angst in mir. Ich brachte kein Wort aus meinem Mund raus.

Die nächste Nachricht, die ich hörte war, dass mein Amanuel 500 Meter vor der Insel Lampedusa ertrunken sei. Ich konnte es nicht glauben. Mein Mann war ein sehr guter Schwimmer. 500 Meter wären kein Hindernis für meinen Mann gewesen, wenn er nicht mit weiteren 9 Personen in einer Kabine eingeklemmt gewesen wäre.

Ich musste nach Lampedusa, um meinen geliebten Ehemann zu identifizieren. Neben dem Sarg meines geliebten Manns lag ein anderer Sarg. Drauf klebte das Foto von dem besten Freund von Aman. Filmon Yebio, mit dem wir durch dick und dünn gegangen sind. Ich hatte keine Ahnung, dass auch Filmon auf diesem Boot war. Mein Leben hat seither keine Bedeutung mehr.

Man versprach mir jedoch, dass ich meinen Mann zu seiner Mutter überführen darf, die ihn über alles liebte und sie mit unendliche Trauer darauf wartet ihr geliebtes Kind zu beerdigen. Aber keiner hält sich an sein Versprechen.

Menschen, die wir lieben und die ein Teil von uns sind, werden als Zahlen beerdigt. Weder die italienische Regierung, die UNHCR, die EU-Gemeinschaft, noch das Internationale Rote Kreuz, kann unseren Schmerz nachempfinden. Wir versuchen seit fast fünf Monaten eine klare Antwort zu bekommen, aber man lässt uns im Regen stehen.

Ich will heute als gläubige Christin, als Ehefrau, vor allem aber als Mensch, alle darum bitten mir und uns zu helfen, damit unsere Lieben in Frieden ruhen können, die Mütter und Väter ihre Kinder nach deren Sitten und Bräuchen beerdigen bzw. sie wissen, dass ihre Kinder nicht als Zahlen beerdigt sind, sondern anständig identifiziert und mit Namen und Foto auf ordentlichen Friedhöfen beerdigt werden. Es ist eine Menschenverachtende Handlung, wie die EU mit uns und mit unseren Toten umgeht.

Wie kann die europäische Gemeinschaft einfach zuschauen, wenn die italienische Regierung so grausam mit hunderten von Toten umgeht? Es gibt einige beschämende Geschichten über die EU, die sich in den letzten Jahren angesammelt haben und Lampedusa ist das Ergebnis der Europäischen Zukunftsgeschichte. Wollen wir wirklich, dass die EU sich so entwickelt? Machen Sie sich bitte Gedanken, was wäre wenn mit einer ihrer Kinder dasselbe passieren würde?

Aber heute sehe ich hier die Menschen, die unsere Schmerzen nachempfinden und uns ihre Solidarität zeigen. Stehen Sie weiterhin an unserer Seite und kämpfen Sie mit uns, damit wir unseren Toten die letze Ehre erweisen können so wie es sich gehört. Ganz besonders appelliere ich an alle Eltern.

Bitte haben Sie Verständnis für meine und unsere Situation und unterstützen Sie uns. Europa soll nicht nur von Menschenrechten sprechen, sondern sie auch in die Tat umsetzen. Denn diese Menschenrechte stehen den Toten genauso zu wie uns.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit

 

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