Flüchtlingsdrama bringt Nato in Bedrängnis

Eine neue Flüchtlingstragödie schreckt Italien auf. Bei einer Horrorfahrt im Mittelmeer sollen Frauen und Kinder verdurstet sein, hundert Leichen seien über Bord geworfen worden. Nun gibt es schwerwiegende Vorwürfe gegen die Nato: Sie soll Hilfe unterlassen haben. Rom fordert eine Untersuchung.

 

Lampedusa - Das Boot startete an der Küste des kriegszerrütteten Libyen. Die Flucht übers Mittelmeer wurde zur Horrorfahrt: Mehr als 300 Flüchtlinge mussten am Donnerstag von dem havarierten Schiff vor gerettet werden, sie wurden auf die italienische Insel Lampedusa gebracht. Nun werden immer mehr Details dieser neuen Tragödie auf dem Mittelmeer bekannt - und diese könnten auch diplomatische Folgen haben.
 

Die Überlebenden berichten von dem grauenvollen Tod von Frauen und Kindern, die auf See an Hunger, Durst und Entkräftung gestorben seien. Die Männer an Bord hätten "die Leichen, hundert an der Zahl", während der Fahrt über Bord werfen müssen, sagte einer der Geretteten italienischen Beamten auf Lampedusa.

"Wie Säcke ins Meer geworfen, gestorben an Hunger und Durst und von der Sonne verzehrt", beschreibt die Turiner Tageszeitung "La Stampa" das Los der afrikanischen Flüchtlinge auf dem Schiff. Viele der Überlebenden brauchen offenbar medizinische Hilfe.

Das Drama hat nun auch politische Folgen. Italienische Medien berichten am Freitag, italienische Behörden hätten ein Nato-Schiff erfolglos aufgefordert, dem Boot zu helfen. Die italienische Küstenwache entdeckte das marode Schiff in libyschen Gewässern, mit vier Schiffen wurden die Überlebenden in Sicherheit gebracht. Über die aussichtslose Lage des Bootes hatte ein zyprischer Schlepper als erstes ein SOS-Signal gegeben.

Laut italienischer Nachrichtenagentur Ansa wurde eine Anfrage der italienischen Behörden bei der Nato zum Rettungseinsatz abgelehnt. Demnach befand sich das Nato-Schiff nur 50 Kilometer von dem Flüchtlingsboot entfernt
ANZEIGE
 

Das römische Außenministerium forderte nun von der Natoeine Erklärung zu dem Vorfall und will eine Untersuchung einleiten. Ein Nato-Sprecher wies die Vorwürfe aus Rom zurück und erklärte, das Militärbündnis schreite in Notfallsituationen gemäß internationalen Rechts immer ein. Die italienische Regierung verlangte zudem eine Ausweitung des Libyen-Mandats der Militärallianz. Das Mandat solle sich auch auf die Rettung von Zivilisten erstrecken, die über das Meer vor den Kämpfen in ihrer Heimat fliehen wollten, hieß es in einer am Freitag veröffentlichten Erklärung des Außenministeriums in Rom.

Nach Angaben des Uno-Flüchtlingswerks UNHCR sind seit Beginn des Libyen-Konflikts Mitte März mindestens 1500 Flüchtlinge im Mittelmeer ums Leben gekommen. In den vergangenen Monaten seien insgesamt rund 24.000 Flüchtlinge aus Libyen an den Küsten Europas eingetroffen, sagte eine UNHCR-Sprecherin der Zeitung "Corriere della Sera". Da statt kleiner Schlauchboote inzwischen große Schiffe kämen, auf denen sich bis zu 800 Menschen drängten, sei auch die Zahl der Todesopfer gestiegen.

Erst am vergangenen Montag hatten die Italiener unter Deck eines in Lampedusa angekommenen Bootes aus Libyen 25 Leichen junger Männer gefunden , die dort erstickt waren. Gegen sechs Schleuser wird in der Sache ermittelt.

kgp/dpa/dapd/AFP

Drucken

unterstützen Sie uns


 EUR

unterstützen Sie uns


 EUR